„Protokolle des Bösen“ – ein True-Crime-Format made in Germany

protokolle-des-boesen

Vor zwei Jahren startete der Sender A&E von München aus für den deutschsprachigen Raum. Die zweite Eigenproduktion „Protokolle des Bösen“ ist ein True-Crime-Format und startet am 24. September 2016 immer samstags um 21:50 Uhr als TV-Weltpremiere exklusiv auf A&E.

Von Verena Weidenbach

Als sich im Pressehaus in der Münchner Bayerstraße das Licht verdunkelt, gepaart mit der Ankündigung eines „unter die Haut“ gehenden Krimiabends, ahnt das Publikum nicht wirklich, was folgen wird. „Unter d’Haut – des brauch i ned“, witzelt eine gut gelaunte Rentnerin in den hinteren Reihen, nachdem sie mit ihren Freundinnen mehrere öffentlich-rechtliche Krimi-Serien vom Dortmund-Tatort bis hin zu „Stubbe“ durchanalysiert hat.

Es ist „Krimifestival“ und nun feiern die „Protokolle des Bösen“ Vorab-Premiere: ein neues, eigenproduziertes Crime-Format, das der Münchner Pay-TV-Sender A&E ab dem 24.09. an fünf aufeinanderfolgenden Samstagen jeweils um 21.50 Uhr ausstrahlt. Doch vor der Filmvorführung erlebt das Publikum zunächst eine Live-Szene auf der Bühne: Ein Tisch, zwei Stühle und zwei Männer, die sich gegenübersitzen. Auf der einen Seite der sich selbst spielende Düsseldorfer Kriminalist und „Profiler“ Stephan Harbort, der mit seiner warmen, rheinisch gefärbten Stimme bohrende Fragen stellt. Auf der anderen Seite der Schauspieler Detlef Bothe („James Bond 007: Spectre“), der in seiner Rolle stockend erzählt, was ihn bei seinen sexuellen Überfällen auf Frauen am meisten erregt hat.

Bothe spielt den Mörder und Vergewaltiger „Johann Fischer“ – und was er an diesem Abend an Ungeheuerlichkeiten ausspricht, hat der echte „Johann Fischer“ (Name geändert) vor langer Zeit in identischen Worten in einem realen Interview mit Stephan Harbort zu Protokoll geben. Es ist diese beklemmende Authentizität, gepaart mit der Intensität des Schauspiels und der intimen Kammerspiel -Situation, die die Energie im Saal spürbar verändert – und auch der Serie selbst eine beinahe physische Wucht verleiht.

Fünf Nachtfahrten in die Abgründe der menschlichen Psyche, basierend auf Aufzeichnungen von Original-Gesprächen, die der bekannteste deutsche Serienmord-Experte mit fünf sehr unterschiedlichen Tätern führte. Minimalistisch inszeniert, mit theaterhafter Strenge. Ohne Einblendungen von Zeitungsberichten, Video-Footage oder Tatortfotos, und ohne Nachspielszenen der Verbrechen: Mit diesem innovativen Konzept will A&E Networks Germany (A&E, HISTORY) Genrekonventionen sprengen und sich zugleich als deutsche Krimi-Avantgarde positionieren.

„Protokolle des Bösen“ ist die zweite Eigenproduktion des Senders, der sein Programm primär mit sogenannten „Reallife Dokutainment“-Formaten des gleichnamigen US-Mutterhauses bestreitet: allem voran „Crime“-Sendungen mit vielen dramaturgischen und audiovisuellen Thrill-Effekten, die beim deutschen Publikum großen Anklang finden, zugleich jedoch eine unverkennbar amerikanische Handschrift tragen.

Ganz anders das neue, eigenproduzierte Serien-Experiment, das unmittelbar auf das deutsche Publikum zugeschnitten ist, wie der Director Production von A&E Networks Germany, Emanuel Rotstein erklärt. Mit deutschen Stars, deutschen Fällen – und einer Erzählweise, die beides sein will: in den kulturellen Prägungen des lokalen Marktes verwurzelt und gleichzeitig – so das erklärte Ziel – international vermarktbar, in die USA und über 150 weitere Länder, die Teil des A&E-Netzwerks sind.

Deshalb orientierten sich der gelernte Dokumentarfilmer Rotstein (vormals MPR Film und Fernseh Produktion GmbH) und der Regisseur Uwe Greiner einerseits an den Narrationstechniken des amerikanischen „True Crime“-Genres, das reale Verbrechensfälle mit quasi-fiktionaler Spannungsmitteln nacherzählt und mit preisgekrönten Produktionen wie „Making a Murderer“ (Netflix) einen internationalen Boom entfesselte. Andererseits ist die minimalistische Kammerspiel-Inszenierung eine eindeutige Hommage an Romuald Karmarkars Meisterwerk „Der Totmacher“ (1995), in dem Götz George die diabolische, allzu menschliche Komplexität des Serienmörders Fritz Haarmann (1879 – 1925) beklemmend lebensecht auf die Leinwand brachte.

Die Konzentration auf ein einziges, radikal begrenztes Verhör-Setting war zugleich ein Zugeständnis an das limitierte Budget, genauso wie der Dreh in München (TMT Studios), oder die Entscheidung, vorwiegend Schauspieler und Crewmitglieder aus der Region zu verpflichten. Dennoch – und das ist das Bezeichnende – wirkt nichts an der Serie wie aus der Not geboren, im Gegenteil: Die Herausforderung, innerhalb eines vergleichsweise spartanische Rahmens maximale Wirkung zu erzeugen, wurde mit Bravour gemeistert – auch und vor allem dank ausgesprochen stilsicherer und bewusst gesetzter Akzente im Detail, von der Entscheidung, mit Black Magic Kameras und Kinolinsen zu drehen, um dem Serien-Kammerspiel eine weltläufige Leinwand-Optik zu verpassen, bis hin zu der bemerkenswert treffsicheren Rollenbesetzung.

Wie Michaela May als Krankenhaus-„Todesengel“ mit winzigen Gesichtsmimik-Entgleisungen hochkomplexe Seelentiefen aufscheinen lässt und wie Fritz Wepper als sadistischer Mehrfachmörder in Sekundenschnelle vom Charmeur zum geprügelten Hund und schließlich zum zähnefletschenden Raubtier mutiert – das alles wächst weit über die Konventionen des sogenannten „Unterhaltungsfernsehens“ hinaus und ist im wahrsten Sinne des Wortes großes TV-Kino: emotional-unmittelbar, hochspannend, und bisweilen hart an der Schmerzgrenze, getreu dem berühmten Nietzsche-Satz: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Emanuel Rotstein sieht dieses Ausloten und Experimentieren als Chance: „Als Nischensender müssen wir nicht auf die Empfindlichkeiten eines Mainstream-Publikums Rücksicht nehmen und setzen weniger auf die an alten Fernsehkonventionen orientierte Quote, als vielmehr auf eine nachhaltige und breite Mobilisierung in Form von Presseberichten und Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.“ Man könnte auch sagen: Weniger ist mehr. In diesem Falle: viel mehr – und ein mutiger Schritt hin zu neuen, verwegenen Arten des Krimi-Erzählens made in Germany.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *