Eine Welt, die verborgen ist – Zum Kinostart von „Die abhandene Welt“ von Margarethe von Trotta

(c) Olga Havenetidis

Am 7. Mai startet »Die abhandene Welt« von Margarethe von Trotta in den Kinos. Ausgelöst hat diesen Film eine persönliche Geschichte, die die Regisseurin bis heute erschüttert.

Es war ein handgeschriebener Brief, der im Jahr 1979 bei Margarethe von Trotta im Briefkasten lag. Zwei Fragen darin waren es, die ihren Blick auf sich selbst, ihre Geschichte und die Welt für immer verändern und zum Film Die abhandene Welt führen sollten: „Ist Ihre Mutter in Moskau geboren?“ Und: „Lautet der Vorname Ihrer Mutter Elisabeth?“ Beide Fragen waren mit Ja zu beantworten. Die Handschrift gehörte zu einer ihr unbekannten Frau. Wie also kam diese Frau zu diesen beiden Fragen?

Kurz zuvor, am 15. November 1979, ihre Mutter war gerade gestorben, hatte die ARD einen Dokumentarfilm ausgestrahlt: Margarethe von Trotta. Porträt einer Regisseurin von Katja Raganelli und Konrad Wickler. Da war sie 37 Jahre alt und blickte bereits auf eine beachtliche Filmographie zurück. In gut dreißig Filmen hatte sie als Darstellerin mitgewirkt, bei Fassbinder, Schlöndorff und Lemke. Mit Volker Schlöndorff, mit dem sie eine Zeitlang verheiratet war, schrieb sie Drehbücher und führte Co-Regie. Irgendwann war es soweit, und sie realisierte als Regisseurin einen eigenen Film, Das zweite Erwachen der Christa Klages. Das war 1977. Das klingt jetzt einfacher als es war. Es war nicht einfach. Aber sie hat es geschafft. Ihr nächster Film war Schwestern oder Die Balance des Glücks (1979). In diesem gab sie ihren beiden Hauptfiguren, den Schwestern, die Namen Anna und Maria. Maria ist ihr zweiter Name, sie heißt vollständig Margarethe Maria von Trotta. Aber wer ist Anna? Das wusste sie da selber noch nicht. Aber im selben Jahr kam ja dieser Brief. Da hatte sie übrigens das Drehbuch für ihren nächsten Film schon geschrieben. Die bleierne Zeit, wieder ein Film über Schwestern, diesmal über Gudrun und Christiane Ensslin. Warum so oft dieses Schwestern-Thema? Auch das beantwortete der Brief.

Die Schreiberin des Briefs war als Baby adoptiert worden. Sie erfuhr davon erst, als sie 18 Jahre alt wurde. Ihre Mutter sei im Krieg gestorben, hieß es da. Irgendwann heiratete sie selber, bekam vier Kinder. Und erfuhr von einer Regisseurin, die so hieß, wie ihre Mutter geheißen hatte, von Trotta. Als eines Abends der Dokumentarfilm über diese Regisseurin im Fernsehen lief, sah sie ihn sich an. Und stellte fest: Diese Frau von Trotta ähnelte optisch ihren Töchtern. Also schrieb sie diesen Brief. Der Brief war ein Schock für Margarethe von Trotta. Plötzlich erfuhr sie, dass sie eine Schwester hatte. Sie hieß mit zweitem Namen Anna.

Der Schauspieler Matthias Habich spielt Paul Kromberger in Die abhandene Welt. Evelyn, seine Frau ist gestorben, er hat nur noch seine Tochter Sophie, gespielt von Katja Riemann. Täglich liest er Zeitungen im Internet. Eines Tages entdeckt er auf der Website der New York Times das Bild einer Opernsängerin, Caterina Fabiani. Barbara Sukowa, selbst Virtuosin im Gesang, stellt diese Frau dar. Für Paul Kromberger ähnelt diese Sängerin auf frappierende Weise seiner verstorbenen Frau. Sophie, ebenfalls Sängerin, allerdings Jazz, macht sich auf den Weg nach New York, um die Frau zu suchen.

Eine Geschichte, ausgelöst durch ein biographisches Ereignis. Zwei ihr vertraute Schauspielerinnen – es ist der siebte Film, den Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa besetzt und der dritte mit Katja Riemann. Ein Drehort, den sie aus Jugendzeiten kennt: Kaiserswerth bei Düsseldorf, hier ging sie zur Schule. Nach all den Filmen, deren Geschichten durch historische Figuren ausgelöst worden waren, Rosa Luxemburg, Gudrun und Christiane Ensslin, Hildegard von Bingen, Hannah Arendt, entsteht mit Die abhandene Welt ein persönlicher Film, 37 Jahre nach ihrer ersten eigenen Regiearbeit. Letztlich sind vielleicht alle Autorenfilme persönlich, aber dieser hier besonders. Das macht schon der Titel deutlich, Die abhandene Welt. Friedrich Rückert schrieb den Text Ich bin der Welt abhanden gekommen, vertont von Gustav Mahler, im Film gesungen von Barbara Sukowa. Ein Lieblingslied von Margarethe von Trotta.

In diesem Text hat der Erzähler ein Geheimnis, das er vor der Welt verbirgt. Margarethe von Trotta dreht dies um, bei ihr ist es die Welt, die das Geheimnis trägt, ähnlich wie sie es in ihrer Kindheit erfahren hat, als ihre Mutter ein Geheimnis vor ihr hütete, das sie mit ins Grab nahm. Es war die Berühmtheit der noch jungen Regisseurin, die es einer Frau, hunderte Kilometer entfernt, überhaupt erst ermöglichte, sie als Schwester zu entdecken. Vielleicht war das der Grund fürs Filmemachen, wer weiß. Zuerst wollte sie malen, wie ihr Vater. Aus Protest, um es ihm zu zeigen. Sie hielt sich aber nicht für talentiert genug. Auch als Schriftstellerin traute sie sich zu wenig zu. Dass sie sich aber ausdrücken musste, das war ihr klar. Filmemachen wurde ihre Sehnsucht, als sie Anfang der 1960er Jahre in Paris tagelang im Kino lebte. Da war noch ein unrealistischer Traum, was sie in den Jahrzehnten später tatsächlich schaffen würde.

Bis heute ist es für sie ein hartes Stück Arbeit, einen Film zu realisieren. Dass sie Margarethe von Trotta heißt, viel Erfahrung in Schauspiel, Drehbuch und Regie hat, Preise gewonnen hat – zum Beispiel letztes Jahr den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, erst jetzt wieder in Cannes den Prix France Culture Cinema 2014 – erfolgreich und etabliert ist, bedeutet nicht, dass sie machen kann, was sie möchte. Für jedes neue Projekt muss sie aufs Neue alle, die an einem Film beteiligt sind, überzeugen. So auch dieses Mal. Gewonnen hat sie die Clasart Film- und Fernsehproduktion und Tele München als Produktions­firma, Markus Zimmer als Produzenten, gefördert wird das Melodram von FFF Bayern, Film- und Medienstiftung NRW und der FFA. Gedreht hat sie in Kaiserswerth, München und New York. Concorde wird Die abhandene Welt 2015 ins Kino bringen. Den Titel findet sie, so wie er ist, übrigens wunderbar. Ein Titel, der hängenbleibt, der irritiert. Es müsste ja richtig „Die abhanden gekommene Welt“ heißen. So aber ist es eine verborgene, vielleicht eine verlorene. Aber vielleicht eine verborgene. Schön, dass sie sie uns zeigt.

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Ich bin der Welt abhanden gekommen,

Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,

Sie hat so lange nichts von mir vernommen,

Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,

Ob sie mich für gestorben hält,

Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,

Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,

Und ruh’ in einem stillen Gebiet!

Ich leb’ allein in meinem Himmel,

In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert (1821)

Die abhandene Welt_(c)Concorde Filmverleih_Jan Betke (6)

Die Hauptdarstellerinnen Barbara Sukowa und Katja Riemann

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