Überlebenskämpfer – Interview mit Philip Koch zu seinem neuen Kinofilm „Outside the Box“

Szenenfoto Outside the Box (c) Davide Perbellini  Walker+Worm Film

Mit »Outside the Box« hat Philip Koch seinen Debütfilm über ein abenteuerliches Training von Unternehmensberatern realisiert. Die Komödie feiert auf dem Filmfest München 2015 seine Premiere. Ein Gespräch über verrückte Team-Events, riskante Drehorte und fremde Milieus.

Höher, schneller, weiter. Kannst du dir ein Leben nach diesen Prinzipien vorstellen?
Bedingt. Wenn man das Motto zu ernst nimmt, macht man sich selbst, vor allem aber auch andere dabei kaputt. Das darf es nicht wert sein. Zu wenige sehen das aber ein.

Outside the Box spielt in der Welt der Unternehmensberater und thematisiert auf satirische Weise Corporate-Team-Events. Wie bist du auf das Thema gestoßen?
Ich hab vor einigen Jahren von einem Team-Event gelesen, in dem eine große Firma einige ihrer besten Mitarbeiter auf eine Busreise nach Griechenland geschickt hat – und die glorreiche Idee hatte, den Bus ohne Wissen der Angestellten von zwei Vermummten mit Gewehren kapern zu lassen und die Mitarbeiter als Geiseln zu nehmen. Die Aktion endete für alle erstmal auf der Polizeiwache – nachdem andere Autofahrer Leute mit Shotguns in einem Bus gesehen haben. Ich habe selten etwas gelesen, das ich gleichzeitig so komisch und tragisch fand. Für mich war von Anfang an klar, dass ich darüber mal einen Film machen will.

Und dann hast du dir die im Film praktizierte „Bickstein Experience“ mit Drill Sergeant und Geiselnahme überlegt.
Derartige Team-Events wie in meinem Film sind Gang-und-Gebe, vor allem im internationalen Umfeld. ‚Inszenierte Geiselnahmen‘ als psychologische Stresstests sind zwar nicht die Regel, doch es gibt da die verrücktesten – und zweifelhaftesten – Sachen, die vordergründig fürs Teambonding, in realiter aber für die reine Effizienzsteigerung der Mitarbeiter durchgeführt werden. Fast alle im Film erzählten Übungen sind an echte Corporate-Events angelehnt, von unterirdischen, videoüberwachten Labyrinthen bis hin zu militärischen Bootcamps oder inszenierten Entführungen – die einzige Fiktionalisierung in meinem Film besteht darin, dass die beiden angeheuerten Entführer das Lösegeld-Szenario so überzeugend finden, dass sie es kurzerhand in die Tat umsetzen …

Die Schauspieler werden dabei in extreme Situationen versetzt. Wie war die Stimmung am Set? Hat sich die Thematik auf das Miteinander ausgewirkt?
Die Stimmung am Set war wunderbar, wir hatten alle sehr viel Spaß an dem, was wir tun und herstellen. Ich kann nicht sagen, dass die im Film beschriebene sozialdarwinistische Haifischbecken-Mentalität sich auf die Stimmung ausgewirkt hat. Es herrschte am Set ein tolles Wir-Gefühl bei allen Beteiligten.

Wo habt ihr überall gedreht?
Die ersten zwei Wochen haben wir in Bayern gedreht, in der Nähe vom Ammersee. Eine Woche haben wir noch in Südtirol gedreht, wo der Film auch angesiedelt ist. Die Dreharbeiten verliefen wirklich super – und wir hatten viel Glück mit dem Wetter.

Was waren bisher die größten Herausforderungen?
Eine der größten Herausforderungen war, dass der Film an nur einem Tag größtenteils im Wald stattfindet. Das macht es Continuity-mäßig sehr schwer, zumal wir so gut wie keine Ausweich-Motive haben. Eine andere große Herausforderung war eine Szene in einer Kletterschlucht, in der wir Volker Bruch und Sascha Gersak in 10-Meter-Höhe in ein Kletterseil gehängt haben, während einer der Entführer sie mit einer Pumpgun verfolgt. Die beiden haben sich bereit erklärt, den Stunt selbst zu machen, was für den Film ein toller Mehrgewinn ist – trotzdem ist da dann natürlich eine andere Aufregung am Start, als wenn professionelle Stunt-Leute im Seil hängen. Zum Glück ist alles gut gegangen!

Unternehmensberatungen bilden einen Kosmos für sich mit eigener Sprache und eigenen Regeln. Wie hast du dir bei der Recherche Zugang zu dieser Welt geschaffen?
Meine Co-Autorin Anna Schneider hat lange in dem Milieu recherchiert – und auch ich habe mich mit Unternehmensberatern getroffen und mit ihnen gesprochen. Auch habe ich einige Freunde, die in dem Business tätig sind und mir geholfen haben, die Welt authentisch widerzugeben.

Wie waren die Reaktionen von Unternehmensberatern auf dein Filmprojekt?
Durchweg: Authentisch. Kurioserweise gab es Anmerkungen, dass der Business-Slang noch abgehobener ist als in meinem Film – das ist aber irgendwann dem Zuschauer ohne Extra-Untertitelung nicht mehr zuzumuten. Es ist eine ganz eigene, faszinierende Sprache.

Du bist bekannt für Milieustudien. „Picco“ oder „Operation Zucker“ führen den Zuschauer in fremde, gewalttätige Gegenwelten. Was reizt dich an diesen Themen?
Mich reizen die Teile unserer Wirklichkeit, die wir im Alltag nicht wahrnehmen und die doch ganz präsent sind. Blinde Flecken im Auge der Öffentlichkeit. Geschichten erzählen ist für mich eine Form des Erkundens neuer (Lebens-)Welten. Auch, wenn diese Welten auf den ersten Blick sehr fern von uns wirken, können wir sehr viel – ich denke sogar umso mehr – über uns selbst lernen.

In deinem neuen Film geht es auch um den Kampf um Leben und Tod in einem ganz speziellen Milieu. Inwiefern unterscheidet sich „Outside the Box“ von deinen bisherigen Filmen?
Von „Picco“ unterscheidet sich der Film gar nicht mal so sehr. Es geht um den sozialdarwinistischen Kampf ums Überleben – ob im Jugendgefängnis oder in der Welt von Consultants, es sind die selben menschlichen Mechanismen am Werk, egal ob ganz unten oder ganz oben im gesellschaftlichen Spektrum. Ich würde sogar sagen, „Outside the Box“ ist „Picco“ als Komödie.

Was macht den Film aus?
In erster Linie seine Tonalität zwischen Realismus und Groteske – eine Komödie, die ihren Humor nur aus der Situationskomik bezieht, die sich nicht lustig macht über die Figuren, sondern sie absolut ernst nimmt. Die Komödie entsteht nur im Kopf des Zuschauers.

Informationen zum Film:
Vier Unternehmensberater werden bei einem Outdoor Team-Event in den Alpen von zwei Geiselnehmern entführt. Alles Plan, wie sich herausstellt: Ein Rollenspiel, bei dem sich die hochambitionierten Mitarbeiter beweisen sollen – bis allen außer ihnen klar wird, dass die schrulligen Entführer ihre Mission etwas ernster nehmen als geplant.

Regie: Philip Koch // Buch: Philip Koch, Anna Katrin Schneider // Produktion: Walker + Worm Film GmbH & Co. KG mit ZDF // Redaktion: Milena Bonse, Lucas Schmidt // Produzenten: Philipp Worm, Tobias Walker // Verleih: Wild Bunch // Förderung: FFF Bayern, BLS // Darsteller: Volker Bruch, Vicky Krieps, Stefan Konarske, Sascha Gersak, Richard Sammel

Header-Foto: Ein Cast, der sich sehen lassen kann – Sascha Gersak, Vicky Krieps, Volker Bruch und Stefan Konarske während der Dreharbeiten.

Werkfoto Outside the Box (c)Arvid Uhlig Walker+Worm Film (2)

Regisseur Philip Koch während der Dreharbeiten mit Schauspielerin Lavinia Wilson. Gedreht wurde in Bayern und Südtirol.

 

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