Auf das wilde Leben – Interview zum Kinostart von „Nirgendwo“

Nirgendwo (c) PIAF

Regisseur Matthias Starte und seine Produzenten Jan Gallasch und Tobias Herrmann von Pictures in a Frame kämpften vier Jahre lang für die Realisierung von Matthias` Debütfilm Nirgendwo. Am 27. Oktober 2016 kommt nun der Film mit den Schauspielern Ludwig Trepte, Saskia Rosendahl und Jella Haase in die Kinos. Ein Interview über deutsche Coming-of Age Filme, die Generation Y und Unique Selling Points.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen euch?

Jan Gallasch: Matthias hat uns ein Portfolio mit seinen Ideen geschickt. Eine Schubkarre voller Notizen. Nirgendwo war damals am weitesten entwickelt. Er wollte eine Geschichte über einen Freundeskreis erzählen, den jeder aus seinem eigenen Leben kennt. Da hat es bei mir Klick gemacht. Das war der Moment, wo ich wusste, das klingt spannend und das will ich produzieren.

Tobias Herrmann: Jan und ich haben gesagt, wenn das Buch gut genug ist, schmeißen sie uns die Kohle nach (lacht).

Was dann nicht ganz so eingetreten ist. 

Tobias Herrmann: Damals wussten wir noch nicht, dass uns viele Verleiher sagen werden, Deutsche Coming-of-Age Filme seien unkommerziell und nicht leicht zu verkaufen.

Matthias Starte: Alle Schauspieler wollten dabei sein und alle Investoren waren weniger  begeistert.

Jan Gallasch: Nirgendwo ist ein Film, der ganz gezielt eine junge Generation anspricht, die nicht in Arthouse-Filme geht. Die Personen, die doppelt so alt sind und in die Kinos gehen, schauen sich solch einen Film aber nicht an. Das war ein Problem.

Tobias Herrmann: Auf der anderen Seite hatten wir bestimmte Bilder für den Film im Kopf, die nach Kino geschrien haben. Auch alle Debütredaktionen waren der Meinung, dass es eine Kinoproduktion werden müsste. Wir sind aber an der sozialen Relevanz des Stoffes beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gescheitert.

Warum?

Matthias Starte: Wir haben kein homosexuelles Paar, keine Ausländer… mit Absicht, damit sich der Fokus nicht verschiebt.

Jan Gallasch: Es ist vollkommen egal, ob die Figuren unterschiedliche Herkünfte haben. Die Probleme bleiben dieselben.

Tobias Herrmann: Wir hatten keinen Sender, keinen Verleiher und noch keine Förderung. Wir haben viele Tränen verloren und das Projekt mehrfach begraben.

Wie ging es dann weiter?

Jan Gallasch: Es sind zwei merkwürdige Dinge geschehen. Wir haben Marcus Ammon von Sky das Buch von Nirgendwo geschickt und er hat uns daraufhin eingeladen, vorbeizukommen.

Tobias Herrmann: Marcus Ammon hat sofort verstanden, was wir wollen: einen Nischenfilm nach amerikanischem Indie-Vorbild. Und somit war Sky mit einem Anteil an Bord.

Jan Gallasch: Unser Konzept hat dann auch Polyband überzeugt.

Tobias Herrmann: Polyband wollte zu der Zeit etwas eigenes Deutsches machen. Für uns hat sich das wie ein Segen angefühlt.

Matthias Starte: Vier Wochen vor Dreh ist noch Servus TV eingestiegen. Sky, Polyband und Servus TV haben uns somit den Film ermöglicht.

Tobias Herrmann: Der Gedanke, mit dem Servus TV unseren Film produziert, zielt auf die Rückbesinnung des Senders als Heimatsender. Nirgendwo  handelt vom Thema Heimat – ohne Heimat auf eine Region zu beziehen. Jeder kann sein eigenes Nirgendwo finden. Die Geschichte kann überall spielen.

Nirgendwo handelt vom Verlassen der Heimat als Teil des Erwachsenwerdens, unerfüllte Träume und die Schwierigkeit, in der Fülle an Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen. Warum wolltest du darüber einen Film machen?

Matthias Starte: Ich kann den originären Gedanken nicht mehr nachvollziehen. Ich schreibe immer nach Gefühl und diese Themen haben mich beschäftigt. In unserem Film geht es um den Protagonisten Danny und seine alte Clique, die in einem Sommer unfreiwillig in ihrer Heimat noch einmal zusammentreffen. Die Figuren sind an einem Punkt angelangt, an dem sie Entscheidungen treffen müssen und um diese treffen zu können, noch einmal zurück in die Vergangenheit blicken.

Ich selbst bin nach dem Studium für ein Jahr nach Hause zu meinen Eltern zurückgekehrt. Es war ein gemischtes Gefühl, alle Freunde in den Semesterferien oder an Weihnachten in der kleinen Heimatstadt wieder zu treffen. Die Personen haben sich verändert und das merkt man, wenn man genau hinschaut. Das sind die Einflüsse, die ich selbst erlebt habe und in der Geschichte erzähle.

Die Figuren in deiner Geschichte scheinen am Alltag zu scheitern und fühlen sich allesamt überfordert. Woran liegt das?

Matthias Starte: Unsere Welt ist so zusammengewachsen, dass wir alle Möglichkeiten haben und in dem jungen Alter gar nicht genau wissen,  wo wir hinwollen. Wir müssen erst die Reise machen, in die Heimat gehen und uns mit den Wurzeln verbinden und fragen, ob man in die richtige Richtung gelaufen ist.

Und danach findet man dann seinen Weg?

Matthias Starte: Man muss aus sich heraus Entscheidungen treffen. Das ist der Grund, warum die Generation Y als sehr egoistisch bezeichnet wird. Die Entscheidungen kommen nur aus einem heraus, deshalb sind sie egoistisch. Es gibt für jeden eine andere Antwort. Die Entscheidungen sollten nicht von jemand anderem getroffen werden. Aber sie sollten immer mit einer gesellschaftlichen Verantwortung im Hinterkopf geschehen. Man sollte sich keinen Konventionen unterwerfen und nicht aus Bequemlichkeit entscheiden. Das hat nichts mit Selbstbestimmung und Glücklich sein zu tun.

Passend dazu beginnt der Film mit dem Zitat „Wenn du nur dieses eine Leben hast, was willst du tun mit dem Rest deiner Zeit?“

Matthias Starte: Es ist die Quintessenz von dem, worauf die Geschichte hinaus läuft: Seine eigenen Träume zu leben. Ursprünglich wollten wir zu Anfang aus dem Gedicht „Der Sommertag“ von Mary Oliver zitieren. Während der Produktion ist allerdings herausgekommen, dass Mary Oliver keine Freigabe erteilt, wenn ihre Gedichte in Filmen verwendet werden. Also habe ich mich mit der Darstellerin Saskia Rosendahl zusammengesetzt und wir haben uns die Köpfe zermartert, um ein alternatives Gedicht zu schreiben, das den Sinn trifft, aber eigenständig ist. Ich bin heute der Meinung, unser eigenes Gedicht für den Film besser funktioniert, als die Vorlage…

Ihr habt neben Saskia Rosendahl mit Jella Haase, Ludwig Trepte, Ben Münchow sowie Amelie Kiefer einen beeindruckenden Cast gefunden.

Matthias Starte: Wir hatten das Glück, dass das Buch von allen Darstellern total gut aufgenommen wurde und sie es sich gegenseitig gezeigt haben. Wir hatten die Wahl zwischen Gold und Platin oder Gold und Gold. Das war eine Luxussituation.
Eine Rolle war zum Beispiel für Sarah Horvath geschrieben. Da sie aber leider wegen ihres Psychologie-Studiums absagen musste, hat ihre beste Freundin Jella Haase, die von Anfang an gerne mitspielen wollte, die Rolle übernommen.

Tobias Herrmann: Wenn wir bei Schauspielern anfragen wollten und nicht durchgekommen sind, haben wir Daniela Tolkien um Unterstützung gebeten. Dann kam immer sofort eine Mail von den Agenturen (lacht).

Alle Schauspieler hatten einen Großteil der Lebensumstände und Probleme, die im Film erzählt werden, selbst erlebt. Amelie Kiefer ist zum Beispiel kurz zuvor Mutter geworden. Sie hat das Thema so berührt, dass sie sofort bereit war, die Rolle der Kirsten zu spielen. Jeder einzelne des Ensembles sieht einen Kern in dem Stoff.

Jan Gallasch: Selbst Ludwig Trepte, der schon eine eigene Familie hat, konnte sich sofort in die Zeit zurückversetzen. Das war ein großes Glück für uns.

nirgendwo-matthias-starte-jella-haase

Regisseur Matthias Starte während der Dreharbeiten mit Jella Haase

Auffällig häufig werden im Film WhatsApp und Facebook als Kommunikationsmittel genutzt. Welche Funktion haben diese und wie hast du das visualisiert?

Jan Gallasch: Matthias hat sich jahrelang dieser Technologie verweigert. Irgendwann hat sich das komplett gedreht, so dass wir dieses Kommunikationsmittel die ganze Zeit im Film verwenden.

Matthias Starte: Die ersten Fassungen beinhalteten diese Form der Kommunikation überhaupt nicht. Im Prozess des Schreibens hat sich der Zeitgeist von WhatsApp und Facebook erst richtig entwickelt und ich musste es einbauen, um die Story minimal zu unterstützen. Das hat sich eingeschlichen. Dann kam mir die Idee: Lasst uns die Figuren zeigen, während sie die Nachrichten schreiben und der Text oben im Bild eingeblendet wird. Der Zuschauer sieht jeden Buchstaben, den die Figur eingibt. Wir waren ganz begeistert, was uns das für Möglichkeiten schafft. Ich war plötzlich in der Lage, Parallelgeschichten im Hintergrund, die on screen nicht ausgesprochen werden, erzählen zu können. Ohne die Textmessages wären einige Dialoge nicht verständlich. Zeit, die in der Handlung vergeht, erklären wir zum Beispiel über einen Facebook-Post, der eingeblendet wird. Dadurch kann der Zuschauer den Ereignissen folgen. Es fühlt sich dann plötzlich selbstverständlich an, so wie es bei uns Zuschauern auch in der Realität abläuft.

Ein weiteres auffälliges Stilmittel sind Tiermotive. Was haben diese für eine Bedeutung?

Matthias Starte: Wir waren uns im Klaren, dass wir einen visuellen Unique Selling Point benötigen. Die Tiere dienen dazu, dass die Figuren etwas herstellen, was sie verloren haben: Den Bezug zur Natur und zu sich selbst. Wir haben einigen Figuren Tiere zugeordnet, die zum Charakter der Figur und in den Kontext passen. Es sind kleine Einblicke in die Seele des Charakters, ohne dass explizit darüber gesprochen wird. Hasen zum Beispiel sind Fluchttiere und der Igel kapselt sich mit seinen Stacheln ab und lässt niemanden an sich heran. Ich habe geschaut, wie man die Tiere organisch in die Geschichte einbauen kann. So hat sich das entwickelt.

Wird es eine Fortsetzung geben?

Matthias Starte: Während der Entwicklung von Nirgendwo kam gerade Boyhood in die Kinos. Wir haben immer darüber gescherzt, dass wenn es eine Fortsetzung geben sollte, diese in 10 Jahren spielt. Wenn alle in einem neuen Lebensabschnitt mit oder ohne Kinder sind. So dass man über die neuen Probleme Anfang/Mitte 40 erzählen kann.

Jan Gallasch: Bisher ist das aber eher noch ein Scherz.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *