„Bei uns gibt es keine Dirndl, es wird nicht gejodelt und es gibt keine Bernhardiner“ – Interview mit Alain Gsponer zu „Heidi“

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„Bei uns gibt es keine Dirndl, es wird nicht gejodelt und es gibt keine Bernhardiner“ – Ein Interview mit Regisseur Alain Gsponer zu der Neuverfilmung von „Heidi“, die am 10.12.2015 in den Kinos startet.

1998 haben sie bereits schon einmal einen animierten Kurzfilm über Heidi gedreht. Was fasziniert Sie so an dem Stoff?
1998 habe ich einen Kommentar zu der Darstellung der Schweiz in den japanischen Heidi-Animes gedreht. Es geht nicht um die Darstellung der heilen Schweiz in den japanischen Animes. Es geht um den Missbrauch des Heidi Mythos durch die Schweiz in der Darstellung des Landes nach außen. Als ich für die Dreharbeiten zum neuen „Heidi“-Film den Roman gelesen habe, ist mir aufgefallen, wie stark „Heidi“ auch ein Sozialdrama ist. Es werden tiefe, essentielle Probleme erzählt. Die Geschichte enthält viel mehr als eine romantisierte Welt. Das hat mich fasziniert.

Kann sich das heutige Kinopublikum überhaupt noch mit Heidi identifizieren? Ist die Geschichte noch zeitgemäß?
Heidi ist nie weggewesen. Die Popularität von Heidi hat sogar wieder zugenommen. In der Werbung wird viel mit Heidi geworben und die Ferienregion Graubünden verwendet Heidi sogar für ihre Marketingzwecke. Heidi ist so eine starke Marke. Jeder kennt sie. Seit der japanischen Anime-Serie von 1974 ist „Heidi“ durchgehend präsent im deutschen Fernsehen. Bei den Kindern ist der Stoff außerdem durch die 3D-Serie, die neu dazugekommen ist, ein Begriff. Jeder hat sein eigenes Heidi-Bild. Jeder ist mit einer anderen Heidi aufgewachsen. Heidi ist das meistverkaufte fiktionale Buch weltweit. Noch stärker verkauft wurde das Manifest der kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels. Dann kommt Heidi.

Wie kam es dazu, dass Sie bei der Neuverfilmung Regie geführt haben?
Es war dieselbe Konstellation wie bei „Das kleine Gespenst“. Diesmal waren nur die Schweizer Produzenten Reto Schaerli und Lukas Hobi von Zodiac Pictures federführend. Erst einmal habe ich abgesagt, da ich nach „Das kleine Gespenst“ keinen weiteren Kinderfilm drehen wollte. Die Schweizer Produzenten wussten aber, dass meine Familie als Bergbauern gearbeitet hat und ich einen starken Bezug zu den Bergen habe. Sie haben gesagt, es gibt niemand besseren, der die Geschichte von Heidi verfilmen könnte. Ich habe damals nicht inhaltlich abgelehnt, sondern weil ich Angst hatte, in der Kinderfilm-Schiene stecken zu bleiben. „Heidi“ ist aber eine so starke Geschichte, die weltweit funktioniert und ich hatte so viel Bezug dazu, dass ich letztendlich doch zugesagt habe.

Es gibt zahlreiche Verfilmungen des Stoffes. Was unterscheidet ihre Verfilmung von den vorherigen?
Mir war wichtig, dass die harte soziale Realität dargestellt wird. Da es ein Happy End gibt, das jeder kennt, wollte ich die Realität härter darstellen, als sie zu verklären und die Natur zu romantisieren.
Was mir in den vorherigen Verfilmungen außerdem nicht gefallen hat, ist die von Anfang an harmonische Beziehung zwischen Almöhi und Heidi. Ein wichtiger Kern, um die Beziehung zwischen Almöhi und Heidi aufzuladen, ist, dass er das Mädchen erst richtig ablehnt. Sie muss sein Herz erst brechen, damit sie Großvater und Enkelkind werden können. Dies darzustellen war mir wichtig für den Film.
Ein weiterer Aspekt, den ich hervorheben wollte, war das Thema Enge, aus der jeder Mensch ausbrechen will, um etwas zu finden. Als Heidi das erste Mal in die Berge geht und diese Freiheit spürt, blüht sie auf. Das ist ihr Ort und das spürt sie, bevor sie ihren Großvater kennenlernt.
Es geht um die Suche nach dem richtigen Ort, an dem man leben möchte. Der ist für jeden anders. Und das wollte ich in unserer Verfilmung darstellen.

Haben Sie sich dabei eng an die Romanvorlage von Johanna Spyri gehalten?
Die ersten Inszenierungen nach dem Krieg bedienen eine starke Verklärung der Natur, was im Roman zum Beispiel gar nicht enthalten ist. Im Roman wird viel stärker die Sozialkritik und Armut in den Fokus gerückt. Deswegen haben wir uns in dieser Hinsicht an den Roman gehalten. Außerdem haben wir eine kleine Ode an Johanna Spyri selbst hinzugefügt. Es war 1880 außergewöhnlich, als Frau zu schreiben und es zu wagen, eine weibliche Hauptfigur und dazu noch ein Kind zu schaffen. Der Aspekt, dass Heidi am Ende selbst schreiben will, ist eine Ode an Frau Spyri selber und an die damalige Zeit.

Die Musik im Film spielt eine wichtige Rolle. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Nikki Reiser hat die Musik gemacht. Als ich im Bündner Land mit den Leuten über Heidi gesprochen habe, wurde immer wieder betont: Bei uns gibt es keine Dirndl, es wird nicht gejodelt und es gibt keine Bernhardiner. Diese Dinge, die vor allem in den japanischen Heidi-Animes vorkommen, wollte die Bevölkerung keinesfalls in der Neuverfilmung sehen. Ihre Heidi ist nicht so.
Wir haben zunächst ganz bewusst die alpenländischen Instrumente verwendet. Wir haben gemerkt, dass wir eine emotionale Tiefe brauchen. Die Schweizer Folklore Musik ist aber in Dur. Alles in Dur ist hart und geht nicht in die Tiefe. Das funktionierte nicht für diesen Film. Das wäre nicht ein Teil von Heidi gewesen. Wir sind dann zwar bei den Musikinstrumenten geblieben, haben aber dafür Moll gewählt. Die Handorgel bekommt dadurch zum Beispiel einen französischen Touch. Wir haben gemerkt, das ist die richtige Musik für unseren Heidi-Film.

Wo haben Sie die beiden Jungdarsteller, die Heidi und den Geißenpeter spielen, gefunden?
Es war von vornherein die Herangehensweise der Produktion, in Graubünden in der Schweiz zu casten. Das war allerdings sehr begrenzt. Wir haben jede Schule abgeklappert. In der Schweiz haben Kinder wesentlich weniger Erfahrung mit Schauspielerei als in Deutschland. Es gibt dort keine Kinderagenturen. Anuk Steffen und Quirin Agrippi waren früh unsere Favoriten beim Casting, obwohl sie keinerlei Schauspielerfahrung hatten. Wir haben viele Recalls gemacht, aber am Ende haben wir uns für die beiden entschieden.

Was waren für die beiden die größten Herausforderungen beim Dreh?
In den Bergen war es sehr hart für sie. Sie mussten immer barfuß in der Natur herumlaufen. Und obwohl wir im Sommer gedreht haben, gab es immer wieder Schneefälle in den Bergen. Es war sehr kalt und wir mussten letztendlich bei ARRI in München in der Postproduktion die blauen Lippen Farb korrigieren.

Auf dem Foto: Regisseur Alain Gsponer (l.) mit seinen Darstellern Quirin Agrippi, Anuk Steffen und Bruno Ganz, der den Almöhi spielt.

Produziert wurde „Heidi“ von Uli Putz und Jakob Claussen von Claussen+Putz Filmproduktion sowie von Reto Schaerli und Lukas Hobi von Zodiac Pictures in Ko-Produktion mit Studiocanal.
Der FFF Bayern hat „Heidi“ im Bereich Produktion mit 800.000 Euro gefördert.

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